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Wenn Blocher ruft, dann kommen sie alle


Wenn Blocher ruft, dann kommen sie alle

Als Christoph Blocher rief, um Oberwalliser Persönlichkeiten zu würdigen und ihre Bedeutung für die heutige Schweiz auszulegen, sind seine Anhänger gekommen. Zahlreich. Und begeistert.

Er kann sein Publikum immer noch fesseln, auch mit 82 Jahren: Alt Bundesrat Christoph Blocher 2023 an seiner traditionellen Bächtelistag-Rede in der Briger Simplonhalle.

Bild: ChatGPT

Seit über einer Dekade könnte man den Jahreskalender nach Christoph Blocher stellen. Zwar nicht am Neujahrstag selbst, aber am 2. Januar, dem Berchtoldstag, lädt alt Bundesrat Blocher jeweils zu einem Happening, das mittlerweile das Prädikat «traditionell» verdient: seiner Bächtelistag-Rede.

Dass die Rede zu einer Tradition geworden ist, liegt an drei Punkten: dem jeweils gleichen Oberthema, dem seit Beginn regen Aufmarsch von Anhängern und anderweitig Interessierten… und nicht zuletzt an Christoph Blocher selbst. Denn noch immer weiss der Doyen der SVP die Massen zu fesseln.

Das Oberthema, man hat es angedeutet, ist jeweils dasselbe. Blocher würdigt drei Persönlichkeiten aus der Region, meist zwei politisch verdiente Personen und eine aus der Sparte Kunst und Kultur. Das passt zu Blocher, dem Politiker. Und zu Blocher, dem Kunstsammler.

Dieses Jahr nun hat alt Bundesrat Blocher in die Simplonhalle in Brig geladen, zu einer Würdigung von Kardinal Matthäus Schiner, Kaspar von Stockalper und dem Maler Raphael Ritz. Und deren Bedeutung für die heutige Schweiz.

Die Erklärung droht zur Verklärung zu werden

«Die Landschaft prägt die Menschen», erklärte Blocher eingangs auf die selbst gestellte Frage, wieso er seine Rede in jeweils anderen Regionen hält. «Und die Zeit prägt die Menschen.»

Von der Zeit wird auch Blocher geprägt. Auch er kann ihr nicht entfliehen. Zeitweise merkte man es ihm an, als er beispielsweise sagte, er habe bereits während seiner Studienzeit Radio Rottu Oberwallis gehört.

Nur: Blocher studierte zwischen 1964 und 1971 Rechtswissenschaften an den Universitäten Zürich, Montpellier und der Sorbonne in Paris… während rro erst am 11. November 1990 auf Sendung ging. Fast zwanzig Jahre später. Da geht etwas nicht auf. Oder wenn er das Oberwallis mit Obwalden verwechselt.

Diese Anekdote mag etwas über Blochers Rhetorik und sein zunehmendes Alter erzählen, wird seinem Auftritt in der Briger Simplonhalle letztlich aber nicht wirklich gerecht.

Denn obwohl Blocher seine Rede und die historischen Begebenheiten – wie in der erwähnten Anekdote zu seinen Hörgewohnheiten im Studium – jeweils an das Publikum und seine eigene Erzählung anpasst, manchmal etwas arg strapaziert: Blocher ist, einmal in die Gänge gekommen, vif, wirkt auf der Bühne keine Sekunde müde. Wie ein Getriebener läuft er auf der Bühne umher, mal links, mal rechts, schreitet ab und an zu seinem Manuskript zurück, von dem er abweicht und ausholt.

Und dann, wenn er das Gefühl hat, dass ihm die Massen entweichen, die Zuhörer schläfrig werden, holt er sie mit Pointen gekonnt wieder ab. Es sind die wohl einzigen Momente, in denen sich die rund 600 anwesenden Personen in der Simplonhalle von ihrer gebannten Stille lösen und Blocher applaudieren, zurufen, lachen. Von seiner Rhetorik hat er trotz – oder vielleicht wegen – seiner mittlerweile 82 Jahre nichts verloren.

Und so lädt Blocher während fast zwei Stunden ein rhetorisches Feuerwerk ab, bei dem er nacheinander das Oberwallis, dann Kardinal Matthäus Schiner und Kaspar von Stockalper und schliesslich Raphael Ritz würdigt und ihre Geschichte und ihre Bedeutung für die heutige Schweiz erklärt.

Oder verklärt?

Der Altbundesrat ist Immer-Noch-Politiker

Fakt ist, und das bestätigen auch historisch bewandte Personen, die Fakten, die Blocher zu den Persönlichkeiten zusammenträgt, stimmen. Zumindest annäherungsweise. In seiner Interpretation dazu begibt er sich indes auf sehr dünnes Eis. Zum Beispiel wenn Blocher behauptet, die Schlacht bei Marignano von 1515, in der auch Matthäus Schiner als Oberbefehlshaber über das päpstliche Heer eine schmerzliche Niederlage erlitten hat, habe den «Anstoss zur Schweizer Neutralität» gegeben.

Das ist, gelinde gesagt, stark umstritten. Auch unter Historikern. Als «falsch und tendenziös» bezeichneten es Autoren und Wissenschaftler der Gruppe «Kunst+Politik» gegenüber dem Nachrichtenportal «Swissinfo»: «Es ist schockierend, dass dieses Gemetzel heute für politische Zwecke missbraucht wird.»

Andere, namentlich Livio Zanolari, Pressesprecher der Stiftung Pro Marignano, sah es gegenüber Swissinfo genau andersherum. «Nach Marignano beendete die Schweiz ihre Expansionspolitik, sie besann sich auf ihre Werte zurück, namentlich den Föderalismus», sagte Zanolari, «1515 sprach niemand von Neutralität, doch die Veränderung in der Haltung ist offenkundig.»

Davon abgesehen, dass sich Blocher die Interpretation der Geschichte so zurechtlegt, dass sie zu seiner Erzählung passt, muss sich der Altbundesrat auch den Vorwurf gefallen lassen, mit solchen Aussagen die historischen Persönlichkeiten für seine Zwecke zu entfremden.

Kaum anders ist zu erklären, dass Blocher von Kardinal Schiner in gefühlt zwei Sätzen bei der Neutralitätsinitiative landet, die die «immerwährende bewaffnete Neutralität» der Schweiz in der Verfassung festhalten möchte.

Blocher, der alt Bundesrat, ist halt auch Blocher, der Immer-Noch-Politiker.

Noch 293 Tage bis zu den eidgenössischen Wahlen

Sein «historischer Vortrag» wird rasch – und nicht immer subtil – zum Kampagnen-Vehikel. Schliesslich stehen in weniger als 300 Tagen die eidgenössischen Wahlen vor der Tür. So kommt Blocher von Lonza zur Globalisierung (mit subtilen Grüssen an die Impf-Skeptiker: «Als ich unlängst einem deutschen Arzneimittelhersteller die Frage stellte, ob denn die Lonza mit den Impfstoffen gegen Covid industriell nicht auch ein gewisses Klumpenrisiko für das Wallis darstelle, gab er mir abschätzig die Antwort: ‹Ach, keine Bedenken, man findet bestimmt einen weiteren Grund, warum wir uns auch in Zukunft impfen lassen sollen!›»), von Schiner zur Neutralität («Die Niederlage in der Schlacht bei Marignano wurde schliesslich zum Wohl der Schweiz und ihrer Neutralitätsgeschichte»), von Stockalper zu geschlossenen und sicheren Grenzen («Stockalper erreichte als Walliser Abgeordneter an der Tagsatzung in Baden, dass ‹die Pässe wohlverschlossen zu halten seien›, aber jedem Ort, der angegriffen werde, ‹mit Leib und Gut und ganzem Vermögen beizuspringen, wie Solches redlichen Eidgenossen gebührt›.»).

Die Zusammenhänge, die Blocher zieht, sind beileibe nicht falsch. Aber eben auch eine sehr grosszügige Interpretation der Geschehnisse und Geschichte. Wie es ihm gerade passt. Mit der Betonung auf «ihm», Christoph Blocher.

Denn letztlich, man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, bezieht sich Blocher bei seinen Ausführungen zu den Persönlichkeiten immer auch ein Stück weit auf sich selbst. Und er kokettiert unverhohlen damit.

Kardinal Schiner als Projektionsfläche

Etwa wenn Blocher Kardinal Matthäus Schiner als «fromm, gestreng, aber auch weltklug und überaus zielgerichtet» charakterisiert, fragt man sich, ob er wirklich über Kardinal Schiner spricht oder nicht doch über den Pfarrerssohn Blocher.

Oder wenn er sagt, dass Schiner aus einer einfachen Bauern- und Zimmermann-Familie und bestimmt nicht aus vornehmem, aristokratischem oder gar adligem Geschlecht abstammt und dabei an seine eigene Geschichte anknüpft – um im nächsten Satz eine Breitseite gegen die «Gstudierte» schlägt, die «vom Studium direkt in die Verwaltung oder Politik einsteigen».

Auch das ist gewissermassen eine Verklärung der Geschichte, seiner eigenen nämlich, die ihn nach dem Studium in die Rechtsabteilung von Ems-Chemie führte, wo er nur vier Jahre später zum Direktionsvorsitzenden aufstieg und rund zehn Jahre später Eigentümer wurde. Und zwar zu einem Zeitpunkt, als er bereits seit vier Jahren im Nationalrat sass.

Blocher weiss aber, mit welchen Schlagworten er seine Zuhörer abholen kann: Tüchtigkeit. Bodenständigkeit. Beharrlichkeit. «Die typische Laufbahn der Bergbevölkerung», sagt Blocher und meint die Oberwalliserinnen und Oberwalliser. «Die Schweiz darf Kardinal Schiner dankbar sein», sagt er und appelliert an die Regionalpatrioten, «und das Wallis stolz auf ihn.»

Und auch Blocher dürfte Schiner dankbar sein für den Steilpass. Oder zumindest für die Projektionsfläche.


Diese Kritik erschien erstmals am 2. Januar 2023 im Walliser Bote.

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