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Ein «Pfeiler des Parlaments» tritt zurück


Ein «Pfeiler des Parlaments» tritt zurück

Als Benoît Rey in den Grossen Rat gewählt wurde, waren einige seiner aktuellen Amtskolleginnen noch nicht geboren. Nun tritt er zurück. Ein Porträt.

Benoît Rey tritt als Grossrat zurück. Das Feuer für die Politik aber bleibt.

Bild: ChatGPT

Am kommenden Mittwoch gegen Mittag dürfte Benoît Rey im Rathaussaal das Wort ergreifen. Ein letztes Mal. Rey, bekannt dafür, dass er zu allem und noch mehr eine Meinung hat und sie frei und bestimmt vorträgt, wird sich von seinen 109 Amtskolleginnen und -kollegen verabschieden. Die (sehr kurze) Februarsession des Grossen Rats, sie ist seine letzte.

Benoît Rey, 66 und Markenzeichen Schnauz, sitzt im Café Le Tunnel, unweit des Rathauses. Lustig und gewitzt wie meistens, wenn ihm nicht gerade die Bürgerlichen einen Strich durch einen Vorstoss machen, der ihm besonders am Herzen liegt.

Es sei Zeit, aufzuhören. Obwohl das «feu sacré», das brennende Feuer der Leidenschaft, noch lange nicht erloschen sei. «Ich sitze seit mehr als einem Vierteljahrhundert auf diesem Stuhl», sagt er, «nun ist es an der Zeit, den Platz zu räumen für eine neue Person mit neuen Ideen.» Für Vincent Pfister.

Am kommenden Mittwoch endet aber nicht nur Benoît Reys Karriere in der aktiven Politik. Am kommenden Mittwoch endet ein Stück Freiburger Politgeschichte.

Kniebeugen für die Demokratie

Während fast 28 Jahren wird Benoît Rey der kantonalen Politik seinen Stempel aufgedrückt haben. Er sei «einer der Pfeiler dieses Parlaments, eine echte Referenz», sagte der abtretende Grossratspräsident Pascal Kuenlin einst über Benoît Rey. Das war… im November 2013. Vor bald zwölf Jahren. Zu diesem Zeitpunkt war Rey bereits seit siebzehn Jahren im Parlament und eben zum 2. Vizepräsidenten des Grossen Rats gewählt worden.

Benoît Rey wurde am 17. November 1996 in den Grossen Rat gewählt. Damals waren drei seiner aktuellen Amtskolleginnen noch gar nicht geboren. Eine davon ist Marie Levrat. Sie beschreibt Rey als leidenschaftlichen und überzeugenden Politiker und sehr warmherzigen Menschen. Levrat sagt: «Er hat das Herz am richtigen Fleck.»

Damals, 1996, zählte der Grosse Rat noch 130 Mitglieder. Es gab eine Fragestunde pro Session, die bisweilen den ganzen Morgen dauern konnte, und keine Simultanübersetzung. Die Abstimmungen erfolgten physisch, nicht digital. Aufstehen bedeutete Ja, sitzenbleiben Nein. Kniebeugen für die Demokratie.

Tanzeinlagen mit der Konkurrenz

In all den Jahren hat Rey – gemäss eigenen Angaben – mit 21 Staatsräten (grossmehrheitlich Männer) und fast 500 Abgeordneten (ebenfalls mehrheitlich Männer) getagt. Als Christlichsozialer oft in der Minderheit – aber meist auf der Suche nach dem besten Kompromiss. So sagen es mehrere seiner aktuellen und ehemaligen Wegbegleiter. Auch solche, deren Meinungen den seinen bisweilen diametral entgegengesetzt sind. Zum Beispiel Antoinette de Weck. Sie beschreibt Rey als loyal, direkt und jovial. Aber auch als harten Gegner auf dem politischen Parkett. Die Debatten mit Rey habe sie dennoch geschätzt. «Es war bisweilen fast wie ein Tanz im Ring.» Eine nette Metapher für – in der Sache – hart ausgetragene Diskussionen.

Damals, 1996, war die Christlichsoziale Partei CSP noch als eigene Fraktion organisiert. Den Zenit hatte die Partei aber schon überschritten. Die damals zehn Sitze schmolzen im Verlaufe der Jahre auf heute vier. Rey blieb. Er führte die Fraktion der kleineren Parteien offiziell als Fraktionschef und die Partei inoffiziell als graue Eminenz. So sagen es ehemalige Wegbegleiter.

Es war bisweilen fast wie ein Tanz im Ring.
— Antoinette de Weck über Debatten mit Benoît Rey

Ein Teil des Rückgangs der Vertretung im Grossen Rat bis hin zum Verlust der Fraktionsstärke lässt sich mit der Totalrevision der Verfassung im Jahr 2004 erklären – sie senkte die Anzahl Abgeordneter von 130 auf 110. Bei den ersten Wahlen konnten nur die Grünen, die EVP und die SVP geringfügig zulegen. Alle anderen Parteien verloren Sitze.

Ein Teil des Verlusts aber erklärt sich auch mit der politischen Positionierung.

Ein Riss geht durch die CSP

Als Partei im politischen Zentrum hat die CSP immer schon Flügel unterschiedlicher Prägung beherbergt. Hier die eher bürgerlichen Vertreter aus dem Sensebezirk, dort die tendenziell linkeren Vertreter der Stadtgemeinde. Benoît Rey bestätigt das.

Kurz nach der Jahrtausendwende gaben zwei langjährige Fraktionsmitglieder ihren Rücktritt aus der CSP bekannt. Lautstark und öffentlichkeitswirksam. Ruedi Vonlanthen und Nicolas Bürgisser traten zeitversetzt aus der CSP aus und schliesslich zeitversetzt der FDP bei.

Bürgisser begründete seinen Parteiaustritt gegenüber den Freiburger Nachrichten einst so: Die CSP «war eine Mitte-Rechts-Partei, die sich kurz zuvor von der CVP abgespalten hatte. Heute ist die CSP massiv linker als die SP». Vonlanthen wird noch deutlicher: «Benoît Rey war massgeblich verantwortlich für meinen Wechsel», sagt er, «er hat die Partei nach links gezogen.» Er beschreibt Rey als unnachgiebig, wenig bis nicht kompromissbereit, aber umgänglich. Trotz allem.

Sie waren weit am rechten Rand der Partei. Und ich war vielleicht im anderen Extrem.
— Benoît Rey über seine Positionierung

Im Café Le Tunnel erinnert Rey die Episoden mit Bürgisser und Vonlanthen. «Beide waren weit am rechten Rand der Partei», sagt er, «und ich war vielleicht im anderen Extrem.» Dann lächelt er verschmitzt.

Den Vorwurf, er überhole die SP bisweilen links, kennt Rey. Er macht sich nichts daraus. Einst hat er gesagt, seine Mitgliedschaft bei der CSP sei historisch begründet, familiär. Er hätte genauso gut auch den Sozialdemokraten beitreten können. Der Opportunismus hätte ihm vielleicht eine steilere Politkarriere ermöglicht. Rey bereut seinen Entscheid nicht. «Ich fühle mich mit den Werten der CSP sehr wohl.» Der Mensch im Mittelpunkt.

Und Rey zunehmend im Zentrum der Partei.

Der Laute rät zur Stille

Damals, 1996, reichten Rey 768 Stimmen für den Einzug in den Grossen Rat. Knapp 330 hinter dem damaligen Parteipräsidenten Philippe Wandeler und etwas über 100 Stimmen vor dem ersten Nichtgewählten. Bei seinen letzten Wahlen im November 2021 steigerte sich sein Resultat kaum merklich auf 839 Stimmen. Ganz im Gegensatz zu seinem Standing. Rey wurde über die Jahrzehnte zum Zugpferd der Partei. ZWenn auch niemand unersetzlich ist: Der Mitte Links – CSP wird Rey fehlen. Sie habe seinen Rücktritt mit einer gewissen Trauer zur Kenntnis genommen, sagt Parteipräsidentin Sophie Tritten. Sie beschreibt Rey als redegewandt und durchsetzungsfähig. Schlicht: «als Persönlichkeit».

Das sagt auch François Ingold, der das Amt des Fraktionspräsidenten 2021 von Rey übernommen hat. Und der sogleich eine Fraktion führen musste, die – vor allem dank der Grünen Welle – nicht nur ungleich grösser, sondern auch deutlich jünger wurde. Ingold beschreibt Rey als kompetent, engagiert und rücksichtsvoll.um Aushängeschild.

Hört zu. Nur so könnt ihr lernen.
— Benoît Reys Rat an die Jüngeren in der Fraktion

Auch Parteipräsidentin Tritten erinnert sich an diesen Moment zurück, als sich die Fraktion konstituierte – nicht mehr als Mitte-Links-Allianz, sondern als Fraktion Grünes Bündnis. Und den Rat, den Rey an die neuen Mitglieder gegeben hat: «Hört zu. Nur so könnt ihr lernen.»

Das klingt in erster Linie amüsant, da Benoît Rey nicht eben zur Sorte der stillen Bankdrücker im Parlament gehört. Seine Wortgefechte mit den Bürgerlichen erreichen nahezu Legendenstatus. Zumal, sagen viele aktuelle und ehemalige Wegbegleiter, Rey das Wort nicht nur oft ergriffen, sondern seine Wortmeldungen geradezu zelebriert habe. Aber: Er sei eben auch ein «politischer Haudegen», der sich für seine Ausführungen nicht an einem Blatt Papier orientieren musste, sondern frei sprechen und trotzdem stringent argumentieren konnte.

Aus der Ferne ganz nah dran

Damals, 1996, als Rey seine politische Karriere im Grossen Rat begann, waren die Ergänzungsleistungen für Familien kein politisches Thema. Oder höchstens am Rande. Das änderte sich mit der neuen Kantonsverfassung und später mit Vorstössen im Grossen Rat. Das Thema, es wurde Benoît Reys Steckenpferd.

Über die Jahre kämpfte er stets an vorderster Front für die Umsetzung. Er präsidierte erst die parlamentarische Kommission und – als der Grosse Rat das Gesetz im Frühjahr 2024 endlich verabschiedet hatte – das Ja-Komitee für die Abstimmung. Gegen die Ergänzungsleistungen hatte sich zwar wenig Widerstand geregt, aufgrund des obligatorischen Finanzreferendums musste aber trotzdem über das Gesetz abgestimmt werden.

Gut möglich, dass ich die Debatten dann zu Hause am Laptop verfolgen werde.
— Benoît Rey über künftige Sessionen des Grossen Rats

Kurz: Das Thema lag Rey besonders am Herzen. Und trotzdem dürfe man es nicht zu hoch hängen. Weder sei es seine einzige politische «raison d’être» gewesen, noch sei die erfolgreiche Abstimmung ein Grund für seinen Rücktritt. Es passt schlicht zu ihm.

Am kommenden Mittwoch wird sich Rey also von der aktiven Politik verabschieden. Aber nicht von der Politik selbst. Zwei seiner Vorstösse seien noch hängig, sagt er. «Gut möglich, dass ich die Debatten dann zu Hause am Laptop verfolgen werde.»

Da ist es wieder, dieses verschmitzte Lächeln.


Dieser Artikel erschien erstmals am 6. Februar 2025 in den Freiburger Nachrichten.

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