Ruth Lüthi, wie geht man mit einer Niederlage bei der Bundesratswahl um?
Ende 2002 steht die Freiburger Staatsrätin kurz vor dem Zentrum der Macht – und scheitert. Heute wird es Markus Ritter oder Martin Pfister so ergehen. Was Ruth Lüthi damals geholfen hat.
Im Fokus: Ruth Lüthi stellt sich am 15. November 2002 nach ihrer Nominierung für die Bundesratswahlen den Fragen der Journalisten.
Bild: ChatGPT
Wer gewinnen will, muss auf die Niederlage gefasst sein.
Heute Mittwoch trifft dies insbesondere auf zwei Männer zu. Sie stehen der Vereinigten Bundesversammlung für die Nachfolge der abtretenden Bundesrätin Viola Amherd zur Auswahl. Hier Mitte-Nationalrat und Bauernverbandspräsident Markus Ritter aus St. Gallen, dort der Zuger Regierungsrat Martin Pfister.
Dass sie Bundesrat werden wollen, haben Ritter wie Pfister in den vergangenen Wochen unmissverständlich klar gemacht. Frei ist aber nur ein Sitz. Einer der beiden Kandidaten wird das Bundeshaus als Verlierer verlassen.
Wie geht man damit um?
Ein Besuch bei Ruth Lüthi. Die alt Staatsrätin des Kantons Freiburg muss es wissen. Sie trat am 4. Dezember 2002 bei der Ersatzwahl von Ruth Dreifuss gegen die Genfer Regierungsrätin Micheline Calmy-Rey an. Und verliess das Bundeshaus wieder in Richtung Freiburg.
Ruth Lüthi steigt an diesem 4. Dezember 2002 gegen 7 Uhr morgens mit ihrer Entourage in den Zug. Die Fahrt nach Bern dürfte sie durch die Nebelsuppe geführt haben. Im Bundeshaus angekommen, wird sie in ein Sitzungszimmer geführt. Nicht-Parlamentarier haben keinen Zutritt zum Nationalratssaal. Auch nicht, wenn sie Kandidatinnen für das höchste politische Amt des Landes sind. Lüthi hatte sich daran nicht gestört. «Das ist natürlich ein emotionaler Moment», sagt sie, «das kann man in diesem intimen Rahmen dann auch zeigen.»
Die Wahl verfolgt Lüthi abseits des Rummels – aber mittendrin im Gefecht: Nicht nur sie und ihre Begleitung waren in diesem Sitzungszimmer, sondern auch ihre Konkurrentin Micheline Calmy-Rey. «Das hat mich eigentlich nicht gestört», sagt Lüthi heute, «wir sind da zusammen durch … in freundlicher Konkurrenz.» Eine werde gewinnen und zuerst aus dem Zimmer schreiten. Die andere verlasse das Zimmer danach … und das Bundeshaus.
Der erste Wahlgang beginnt: Micheline Calmy-Rey, 80 Stimmen; Toni Bortoluzzi, 69 Stimmen; Ruth Lüthi, 61 Stimmen. Die Konkurrenz abgeschlagen.
Obwohl der Anspruch der SP auf zwei Sitze im Bundesrat eigentlich unbestritten war: Die SVP erhob Anspruch auf einen zweiten Sitz auf deren Kosten. Sie nominierte den Zürcher Nationalrat Toni Bortoluzzi – und kündigte an, bei dessen Ausscheiden leer einzulegen.
Die SVP sei auch die einzige Fraktion gewesen, die die offiziellen Kandidatinnen der SP nicht zum Hearing eingeladen habe, erinnert sich Lüthi. «Ich habe diese Hearings höchst spannend gefunden. Fair und auf einem hohen Niveau.» Sie vergleicht das Hearing mit einer Prüfung an der Uni. Zuerst die positive Anspannung, dann der heikle Moment. «Und schliesslich läuft man raus und hat das Gefühl: Eigentlich ist es ganz gut gelaufen.»
Lüthis Gefühl täuscht sie nicht. Am Abend nach den Hearings sei sie mit Parteifreunden in Bern noch zusammengesessen, als im Radio erste Informationen der Fraktionen bekannt wurden. Die Prognosen: wie immer schwierig. Aber Lüthi und Calmy-Rey seien in etwa gleichauf. «Das hat mich gefreut», sagt Lüthi, «einige aber auch ein bisschen erstaunt.»
Tatsächlich steigt Micheline Calmy-Rey als Favoritin ins Rennen. Sie wird von der damaligen Parteipräsidentin und Ständerätin Christiane Brunner – sie stammen beide aus Genf – gepusht. Erst innerhalb der Partei, dann im Parlament. Und Lüthi hat ein Problem: Mit Joseph Deiss sitzt bereits ein Freiburger im Bundesrat.
Zweiter Wahlgang: Calmy-Rey, 94 Stimmen; Lüthi, 69 Stimmen; Bortoluzzi, 58 Stimmen. Lüthi holt auf und verliert gleichzeitig an Terrain.
Dass Lüthi und Calmy-Rey an diesem Punkt stehen, ist nicht selbstverständlich. Die Wahl in den Bundesrat folgt der Logik der politischen Ochsentour. Eigentlich. Die 246 Parlamentarierinnen und Parlamentarier kennen sich, schätzen sich – oder nicht. Aber wählen meist den einen der ihren.
Lüthi und Calmy-Rey sind damals Staats- respektive Regierungsrätinnen in ihrem jeweiligen Kanton. Im Herbst 2001 wird Lüthi zum zweiten Mal in ihrem Amt bestätigt und nimmt die dritte – und letzte – Legislatur in Angriff.
Knapp ein Jahr später weilt Lüthi in den Ferien in der Ardèche, als sie einen Anruf von Solange Berset erhält. Berset ist damals Präsidentin der Freiburger SP. Und stellt ihr eine Frage: «Möchtest du für den Bundesrat kandidieren?»
Lüthi erinnert sich an diesen Moment zurück. Sie sagt: «Es war gar nicht so schlecht, dass ich in den Ferien war. Dort konnte ich ein bisschen studieren und die Frage mit meinem Mann diskutieren.»
Welche Fragen stellen sich in diesem Moment?
Erst einmal die familiäre. Passt das? Habe ich die Unterstützung, die ich brauche? Im Gegensatz zu vielen Kronfavoriten für die Nachfolge von Viola Amherd konnte Lüthi diese Frage mit Ja beantworten.
«Und das andere ist natürlich, traue ich mir das zu?» Lüthi ist, als sie diese Frage beantworten muss, seit Jahrzehnten in der Politik, seit über zehn Jahren im Staatsrat. Einem Exekutivamt, wie der Bundesrat auch.
Um diese Frage zu beantworten, braucht es sehr viel Selbstvertrauen. In die eigene Arbeit, in die eigenen Fähigkeiten. «Das stimmt», sagt Lüthi. Aber es gehe eben weniger um fachspezifische Kompetenzen, in die Dossiers könne man sich a) einlesen und b) beraten lassen. Wichtiger seien sogenannte Soft Skills: eine schnelle Auffassungsgabe, gute analytische Fähigkeiten, Führungsstärke. Und: «Klar braucht es Selbstvertrauen», sagt Lüthi, «aber man weiss auch, dass man nicht alles alleine machen muss.»
Lüthi traute sich das Amt zu. «Ich kann das!» Sie wird nominiert, erst einstimmig von der Kantonalpartei, später von der Fraktion nach mehreren Wahlgängen. Sie schafft es aufs Ticket. Der Marathon beginnt.
Dritter Wahlgang: Calmy-Rey, 98; Lüthi, 78; Bortoluzzi, 56. Der Sprengkandidat hält sich wacker. Und muss sich auch noch nicht zurückziehen. Nun beginnt der eigentliche Dreikampf.
Als Mitglied der Gesundheitsdirektorenkonferenz und langjährige Präsidentin der Sozialdirektorenkonferenz verfügt Lüthi bereits über ein Netzwerk weit über Freiburg hinaus. Auch wird sie von ihren Kolleginnen und Kollegen der Westschweizerkonferenzen «x-mal» in interkantonale Gremien delegiert. Fragen zur allfälligen Kandidatur klärt Lüthi im Vorfeld mit Ruth Dreifuss selbst ab. Sie kennen und schätzen sich. Das Netz stimmt. Aber reicht es auch bis ins Parlament?
Ruth Lüthi ist plötzlich Bundesratskandidatin und muss gleichzeitig ihren Verpflichtungen im Staatsrat nachkommen. Schon das mehr als ein Fulltime-Job. Sie liess keine Staatsratssitzung aus, aber innerhalb der Direktion musste sie delegieren. «Es war ein anstrengender Monat», erinnert sie sich. Denn sie muss ihre Bekanntheit im Bundeshaus erhöhen, die Parlamentarierinnen und Parlamentarier treffen. Sie muss sich in Dossiers einlesen, um an den Hearings eine gute Falle zu machen. In die Landwirtschaftspolitik, die Verteidigungspolitik.
Heute werden Bundesratskandidaten in dieser Zeit oft von PR-Agenturen unterstützt. Auch Ritter und Pfister setzen auf Berater. Damals sei das aber noch nicht der Fall gewesen.
Hilfe erhält Lüthi dazumal von einem jungen Mann, der später selbst in den Bundesrat einziehen wird: Alain Berset. «Er hat mir geholfen, die Dossiers zusammenzustellen, und die Medienarbeit übernommen», sagt Lüthi. Da habe sie auch dessen Fähigkeiten und sein politisches Geschick entdeckt.
Der Wahlkampf verläuft sauber. Calmy-Rey und Lüthi greifen sich nicht gegenseitig an. Und auch sonst wird nicht viel Staub aufgewirbelt. Bis eine Woche vor der Wahl.
Vierter Wahlgang: Calmy-Rey, 113; Lüthi, 71; Bortoluzzi, 59. Calmy-Rey verpasst das absolute Mehr um neun Stimmen. Der Letztplatzierte muss sich aus dem Rennen zurückziehen. Nun kommt es zum Zweikampf. Es geht um alles.
Ende November wird Kritik laut in den Westschweizer Medien. Lüthi, einst in Grenchen geboren, hat zwar ihre ganze politische Karriere in Freiburg gemacht – doch die Vertretung der Westschweizer Interessen trauen ihr die Chefredaktoren in der Romandie nicht zu. Erachten es gar als Affront. «Obwohl die Politik im Kanton damals fast ausschliesslich auf Französisch gemacht wurde», sagt Lüthi.
Einzige Ausnahme bildete «La Liberté». Entweder traute man Lüthi die Vertretung der Westschweizer Interessen zu. Oder der Lokalpatriotismus überwog schlicht.
Lüthi liest in dieser Zeit kaum mehr Zeitungen, konsumiert generell wenig Medien. Was wichtig ist für sie, erfährt sie von Wahlkampfleiter Berset. Sie konzentriert sich auf die Hearings und die vielen Interviews mit den Medien. Aber die aggressive Kritik, als deutschsprachige Freiburgerin die Westschweiz nicht vertreten zu können, hat sie beschäftigt. Sie sagt: «Die Sprachenfrage wurde schon fast zu einem staatspolitischen Problem heraufstilisiert.» So hat sie es auch am Tag der Wahl erlebt. Viele Deutschschweizer Parlamentarier hätten ihr im Nachhinein gesagt, dass sie eigentlich für sie stimmen wollten, aber die Westschweizer nicht verärgern wollten.
So kam es, wie es kommen musste.
Fünfter Wahlgang: «Gewählt ist, mit 131 Stimmen: Micheline Calmy-Rey.» Ruth Lüthi erhält noch 68. Sie wird das Sitzungszimmer im Bundeshaus als Letzte verlassen.
Ruth Lüthi vergleicht den Moment – und den gesamten Wahlkampf – mit einem Flug im Heissluftballon. Sie sagt: «Man steigt immer höher. Es ist wunderbar. Das Erlebnis, die Welt einmal von oben zu sehen respektive die grössere Perspektive zu haben, habe ich wirklich gut in Erinnerung behalten. Und nachher sinkt der Ballon plötzlich von Wahlgang zu Wahlgang. Und irgendwann bin ich halt unsanft gelandet. Es schüttelt einen schon, das ist klar. Aber, ja, ich denke, bei einer Ballonfahrt wäre es auch so. Was dann so bleibt, ist ein gutes Erlebnis.»
Ruth Lüthi geht mit ihrer Entourage in ein Restaurant. Enttäuscht, aber im Wissen, dass sie alles gegeben hat. Und sie spürt die Unterstützung. Bereits in Bern, noch stärker an einem Anlass in Freiburg am selben Abend.
Ruth Lüthi sagt, sie habe die Niederlage gut verkraftet. Und rasch. Sie habe gewusst, dass sie nicht als Favoritin ins Rennen steige. Und sie habe auch gewusst, dass eine allfällige Niederlage nicht das Ende ihrer politischen Karriere bedeuten würde; dass sie noch vier Jahre in Freiburg Staatsrätin sei, ein Amt, das ihr viel Freude und Befriedigung bringe. Dieses Wissen, sagt Lüthi, habe ihr schon den Mut gegeben zu kandidieren und geholfen, die Fallhöhe einer Niederlage zu reduzieren.
Als sie das Restaurant in Bern verlässt, läuft sie an einem Tisch vorbei, an dem sich die Chefredaktoren verschiedener Westschweizer Medien versammelt haben. Eine Einladung, sich zu ihnen zu gesellen, nutzt sie zu einem kurzen Gespräch. Der Chef einer Illustrierten aus der Romandie zeigt ihr die beiden Cover, die die Redaktion vorbereitet hat. Bei einer Wahl Lüthis hätte das Blatt in etwa getitelt: «Das Parlament hat der Romandie eine Deutschschweizerin aufgezwungen».
Lüthi sagt: «Als ich das gesehen habe, musste ich sagen, es ist gut rausgekommen.»
Dieser Artikel erschien erstmals am 12. März 2025 in den Freiburger Nachrichten.
